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Enter Technikmuseum Solothurn
#1
Ich möchte euch ein paar Bilder von meinem Besuch im Enter Technikmuseum Solothurn zeigen. Ich bin mehr zufällig hingekommen und war überwältigt von der schieren Menge an ausgestellter Technik. Die ganze Ausstellung ist nicht leicht zu erschliessen. Es gibt wirkich unglaublich viel zu sehen - aber wenig Erklärung. Der Bestand müsste dringend kuratiert werden. Nur wenige Geräte sind mit Hinweisen versehen. Das ist schade den es dürfte sich hier um wohl eine der grössten Sammlungen handeln. Das Thema Audio/Video (Aufzeichnung und Wiedergabe) ist enorm umfangreich. Auch zum Thema Computer gibt es sehr viel Material. Ein eigener Bereich widmet sich dem Buchdruck, es gibt Unmengen an historischen Bürogeräten Schreib- und Rechenmaschinen usw. 

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Mein persönlicher Favorit war dieses Gerät. Ein "E.H.Scott Philharmonic" (nicht zu verwechseln mit H.H. Scott) aus den späten 30er Jahren. ChatGPT fand ein paar interessante Fakten zu der Kiste


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Der Philharmonic besitzt zwei abgestimmte HF-Verstärkerstufen vor dem Mischer und anschließend vier ZF-Verstärkerstufen. Schon das war erheblich mehr Aufwand als bei einem normalen Superhet. Noch ungewöhnlicher ist die variable ZF-Bandbreite. Scott wollte ein grundsätzliches Problem des AM-Empfangs lösen: Für schwache oder benachbarte Sender braucht man hohe Trennschärfe und damit eine schmale Bandbreite. Für einen starken, guten Sender möchte man dagegen eine breite Bandbreite, weil sonst die hohen Audiofrequenzen verloren gehen.
Beim Philharmonic konnte der Hörer diesen Kompromiss kontinuierlich verändern. Dazu läuft mechanisch eine Welle durch die vier ZF-Filter. Über variable Luftkondensatoren werden deren Primär- und Sekundärkreise gegeneinander verstimmt. Damit verändert sich die Durchlasskurve der gesamten ZF. Das ist ein mechanisch-elektronisches Filter von erheblicher Komplexität. Die dokumentierten Werte reichen je nach Quelle und Definition ungefähr von wenigen Kilohertz bis zu einer ZF-Bandbreite von etwa 32 kHz, womit Scott eine Audioübertragung bis ungefähr 16 kHz anstrebte.
Das erklärt auch einen Teil des geradezu mechanischen Erscheinungsbildes. Unter dden glänzenden Bechern steckt eine grosse Menge abgestimmter HF-Technik.
Scott gab für den Empfänger eine Empfindlichkeit von etwa 0,5 µV auf den meisten Bereichen an und eine Skalenkalibrierung von 0,2 Prozent. Dazu kamen getrennte automatische Verstärkungsregelungen für HF- und ZF-Bereich. Für 1937 war das außerordentlich anspruchsvoll.

Und dann der Audioteil Die Endstufe arbeitet mit vier 6L6, parallel push-pull, mit Gegenkopplung. Das sind keine kleinen Radio-Endröhren. Die 6L6 gehört zu den klassischen Beam-Power-Endröhren und ihre Nachfahren findet man Jahrzehnte später noch in hochwertigen Röhrenverstärkern und Gitarrenamps.
Dazu gehörte typischerweise ein gewaltiger elektrodynamischer 15-Zoll-Lautsprecher, optional ergänzt um zwei Hochtöner. Eine erhaltene Pointer-Dial-Anlage wird genau mit dieser Konfiguration dokumentiert.
Der Philharmonic hatte außerdem einen Dynamikexpander.
Das ist aus heutiger Sicht besonders interessant. Rundfunk und Schallplatten besitzen einen gegenüber dem Original reduzierten Dynamikumfang. Scott versuchte, einen Teil davon bei der Wiedergabe wiederherzustellen. Ein zweites „magisches Auge“ zeigt dabei den Grad der Expansion an. Bei der frühen Philharmonic-Version sind die beiden Anzeiger deshalb keineswegs zwei Empfangsanzeigen: einer dient der Abstimmung, der andere dem Expander.
Hinzu kamen Bass- und Höhenregelung, gehörrichtige Lautstärkekorrektur und eine Schaltung zur Unterdrückung des Nadelrauschens bei Schallplatten. Der Bass ließ sich laut technischer Dokumentation um etwa 20 dB anheben.
Man könnte das Gerät deshalb aus heutiger Sicht eher als Kombination aus High-End-Tuner, Vorverstärker, Dynamikprozessor und kräftiger Röhrenendstufe verstehen.

Dieses Gerät ist die sogenannte Pointer-Dial Philharmonic von 1937. 1939 führte Scott eine stark überarbeitete Version mit dem berühmten „Beam of Light“-Dial ein. Bei diesem späteren Modell wurde die Skala optisch projiziert bzw. beleuchtet und die Bedienung verändert. 1940 erschien schließlich sogar eine 33-Röhren-FM-Philharmonic, die das damalige amerikanische FM-Band von ungefähr 41–50 MHz empfangen konnte.
Das fotographierte Gerät ist also noch die ursprüngliche AM/Lang-/Kurzwellen-Philharmonic-Architektur.
Auf der Skala des Fotos kann man die verschiedenen Bereiche sogar erkennen: Broadcast, Police & Amateur, Longwave sowie mehrere Shortwave-Bereiche. Das war tatsächlich ein Weltempfänger. Scott warb mit sechs Wellenbereichen von etwa 3,75 bis 2.000 Metern.
Und das führt zu etwas, was heute leicht vergessen wird: Kurzwellenempfang war damals eine Form unmittelbarer globaler Kommunikation. Ein wohlhabender Besitzer konnte abends an diesem Gerät sitzen und Stationen aus Europa, Südamerika oder Asien empfangen. Die enorme Empfindlichkeit und Trennschärfe war deshalb kein technisches Schaustück ohne praktischen Zweck.
Die Chromorgie hatte ebenfalls System. Fast jedes Abschirmgehäuse, jeder Transformatorbecher und große Teile des Chassis sind verchromt. Selbst Bauteile, die der Käufer nach dem Einbau in ein Möbel praktisch nie zu Gesicht bekam, wurden so behandelt. Funktionale Technik wurde zugleich als gestaltetes Objekt verstanden.
Scott machte daraus sogar ein Verkaufsargument. In der Werbung hieß es ausdrücklich, dass sämtliche äußeren Metallteile stark verchromt seien.
Die Konstruktion wurde also bewusst so gebaut, dass das Chassis selbst wertvoll aussieht.

Allein das Empfängerchassis misst ungefähr 59 × 28 × 48 cm; das Smithsonian besitzt einen Philharmonic von 1939 und gibt für dessen Receiver 23¼ × 11 × 19 Zoll an.
Das Smithsonian besitzt übrigens auch ein separates Philharmonic-Netzteil.
Das ist ein guter Hinweis darauf, wie solche Anlagen konstruiert waren: Es handelt sich um ein modulares Großsystem und nicht um die übliche Radiotechnik, bei der Netzteil, Empfänger und Endverstärker auf einem einzigen Chassis sitzen.
Spätere komplette Philharmonics mit Chassis, Verstärker, 15"-Lautsprecher und Möbel werden mit mehr als 150 lb, also rund 70 kg, beschrieben.


[Bild: IMG-2630.jpg]
[Bild: IMG-2627.jpg]
Hi

Uli

„Wenn Freiheit irgend etwas bedeutet, dann das Recht, Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ G. Orwell
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#2
ich vergaß zu erwähnen zu erwähnen - mit sfr 32 ist der Eintritt kein Schnäppchen. Aber die schiere Menge an ausgestellten Geräten macht m.M.n. den Eintrittspreis wett. Je mehr Anhnung man von der Materie hat, umso weniger fällt die fehlende Kuratierung ins Gewicht.

Hier noch ein kurzes Video zum Scott
Hi

Uli

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