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Normale Version: Geithain Tonsäulen
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Da das mit den Messungen auf eine positive Resonanz gestoßen ist fange ich einfach mal mit den Sachen die ich noch auf dem Rechner habe an.
Letztes Jahr hatte ich die Möglichkeit kostengünstig defekte Geithain ITS364 Tonsäulen zu kaufen. Also gesagt getan und nach kurzem Auseinanderbau kamen dann auch die 8-Zoll Lautsprecher mit bröseliger Gummisicke zum Vorschein.
Normalerweise sind die Gitter noch mit Schaumstoff für PA Lautsprecher beklebt, aber dieser ist auch den Weg aller Dinge gegangen und bestand letztendlich nur noch aus einer bröseligen klebrigen Masse. Eigentlich nicht sehr hochwertig, aber bei den neueren Modell hat Geithain in Bezug darauf ja nachgebessert und verbaut Gummisicken und andere Frontbespannungen. 
Auf der anderen Seite sorgt das natürlich auch für einen stetigen Strom an kaputtem Geraffel, was die Theater oder der ÖRR los werden müssen.  Floet 
Diese Lautsprecher stammen vermutlich aus den frühen 90er Jahren.
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Also erstmal der übliche Ablauf aus Putzen... Kleben... Zentrieren... Kleben... Testen

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Im ausgebauten Zustand zeigt sich, warum die Lautsprecher schwer wie blei sind. Die verbauten Chassis haben einen 140x50mm Magneten bei einem Durchmesser von 200mm.
Ich habe mal ein bisschen gesucht und die einzigen aktuellen Chassis mit ähnlich gigantischem Antrieb sind Scanspeak Revelator woofer.  Pray


[Bild: 1682962140341.jpg]


Besonders lustig wird es, wenn man die Chassis neben RFT L2911 Lautsprecher aus z.B. Rema toccata legt. Die Verwandtschaft ist erkennbar, jedoch ist das einzige Gleichteil die Dustcap. Korb, Magnet, Zentriespinne, Sicke und Membran sind vollständig anders und erinnern eher an einen hochskalierten L7102.


[url=https://postimg.cc/w3fpdh7z][Bild: 1682961889971.jpg]


Nach der Reparatur war dann das Messen dran. 
Die Folgenden Messungen habe ich in meinem Garten gemacht. 
Die Messungen sind nicht gefenstert und mein Mikrofon war zum damaligen Zeitpunkt noch nicht kalibriert. 
alles unter 200Hz ist also eher eine grobe Schätzung und das leichte Gezappel im Frequenzgang kann auch auf von Reflektionen oder Mikrofonfehlern stammen. 

Ich werde demnächst nochmal kalibrierte Messungen nachreichen, aber hier erkennt man schon sehr schön, warum sich diese Lautsprecher von 99% der verkauften Lautsprechern unterscheiden. 

Die Gehäuse der Mittel-Tieftöner sind nicht Geschlossen oder Bassreflex sondern vielmehr handelt es sich um Rückseitig bedämpfte Dipole, ähnlich wie in den Studiomonitoren der K-Serie.  Die Bedämpung verlangsamt die rückseitig austretende Schallwelle und sorgt so für Schallauslöschung hinter dem Lautsprecher (vereinfacht gesprochen).
Da es sich prinzipiell um einen Dipol handelt bestimmt die Pfaddifferenz zwischen hinterer und vorderer Welle den Bass roll-off. 
Diese Lautsprecher sind eher wie Pa-Tops zum Betrieb mit Subwoofer Unterstützung gedacht. 


Das horizontale Bündelungsverhalten ist eigentlich ziemlich großartig. Die Bündelung beginnt gleichmäßig bei 400Hz, was eigentlich eher 15-zoll bässen entspricht und das Constant directivity Horn sorgt für ein relativ gleichmäßiges 90° Fenster. Besondern faszinierend finde ich, dass der Frequenzgang hinter dem Lautsprecher relativ linear 20db unter dem Frequenzgang vor dem Lautsprecher liegt.


[Bild: geithain-its364-horizontal.png]

In der vertikalen zeigt sich das Problem von großen Treiberabständen und hoher Trennfrequenz. 
Unter Winkeln zeigen sich starke Kammfiltereffekte welche auch mit so einer Treiberanordnung unvermeidbar sind. Jedoch ist es schlimmer als es aussieht. Wie man sieht ändert sich die Frequenz des Einbruches mit dem Winkel. Die Gesammtenergieabgabe ist also trotzdem gleichmäßig.
[Bild: geithain-its364-vertikal.png]

So das war es so weit erstmal. Nächste Woche sollte mein Messmikrofon vom kalibrieren zurück sein und dann werde ich hier noch ein bisschen weitermachen. 
Ansonsten würde es mich freuen wenn andere Leute ihre Geithain Tonsäulen hier auch posten. 
Ich finde es immer wieder spannend zu sehen wie Joachim Kiesler verschiedenste Konzepte aufgegriffen hat um das Rundstrahlverhalten von Lautsprechern zu beeinflussen lange bevor es Mainstream war.
(01.05.2023, 20:02)laserluxxer schrieb: [ -> ] Jedoch ist es schlimmer als es aussieht. Wie man sieht ändert sich die Frequenz des Einbruches mit dem Winkel. Die Gesammtenergieabgabe ist also trotzdem gleichmäßig.

Hier habe ich doch glatt einen Fehler gemacht. Ich meine natürlich weniger schlimm als es aussieht.  Floet
Vor einer Weile habe ich ein paar Geithain ITS 100 überholt und ich wollte hier nochmal die Messergebnisse posten.


[Bild: 1682889115979.jpg]


Im Prinzip sind die ITS 100 das Vor-Wende Modell der ITS 364. Die Tieftöner sind relativ baugleich, allerdings sind die Membranen nicht beschichtet.
Der Größte Unterschied ist der Kalottenhochtöner mit Aluminiumlinse und Horn anstatt eines Kompressionstreibers.
Sowas gab es meines Wissens nach im Ostblock auch nicht und so musste sich ME geithain etwas überlegen um die Belastbarkeit der Hochtöner zu steigern. Die hochtöner sind keine L7101 oder L7104 sondern 28mm Gewebekalotten für eine größere Belastbarkeit. Die Schallverteilerlinse wird vermutlich den Wirkungsgrad steigern und den Frequenzgang über 10khz verbessern. Das Horn mit (vermutlich) exponentieller Kontur steigert den Wirkungsgrad zusätzlich.
Interessant sind auch die Schlitze auf der Rückseite des Gehäuses für eine kardioide Abstrahlung. Die Bedämpung ist aber deutlich rudimentärer als in modernen Modellen.
  
[Bild: 1687092816485.jpg]


Der Vorbesitzer hatte die originalen Eingangsübertrager ausgebaut und so sind die folgenden Messungen direkt an 4Ohm ohne den Hochtonabfall der Übertrager.
Die Messungen sind nicht pegelkallibriert.
[Bild: its-100-horizontal.png]
Wie man sieht, funktioniert der Kardioid trotz rudimentärer Bedämpfung ziemlich gut. Die Horizontale Fenster ist mit 90° vorbildlich. Der starke Einbruch bei ca. 13khz
ist dem Hochtonhorn geschuldet und auch einfach die Limitierungen mit so einem Design. Gut für seine Zeit aber heutzutage ist da jedes Billighorn mit Kompressionstreiber messtechnisch besser. Hörbar ist der Einbruch allerdings nicht. Ich denke die Schallverteilerlinse sorgt dafür, dass der Einbruch nur schmalbandig ist. 
[Bild: its-100-vertikal.png]
Vertikal sieht natürlich alles wieder ziemlich wild aus. Durch den noch größeren Treiberabstand im Vergleich zu ITS 364 werden die Kammfiltereffekte noch stärker, aber in der Praxis zeigt sich immer wieder, dass solche Konzepte durchaus gut klingen, wenn die Lautsprecher vernünftig ausgerichtet sind.
Ein weiterer Effekt den die größeren Gehäuse im Vergleich zu ITS 364 haben ist, dass die ITS 100 subjektiv ausreichend Bass haben und keine Subwooferunterstützung benötigen, auch wenn es in den Messungen nicht danach aussieht. 

Die Lautsprecher haben schon ein neues Zuhause und der neue Besitzer ist noch mal ein paar Jahre jünger als ich mit meinen zarten 25.  LOL
Vintage Hifi wird vermutlich weiterhin ziemlich beliebt bleiben.
Hallo.
Auf jeden Fall eine lobenswerte fleiß Arbeit.
Aber bitte daran denken ,die ITS ,ETH,ETS und sonstiges in dieser Richtung von MEG,hat mit HIFI nichts zu tun ... ist reine Beschallungstechnik.
Auch wenn die mehr können als daß, wofür sie gedacht waren. LOL 
mfg Ingo
Richtig, die Lautsprecher sind nicht fürs Studio entwickelt und man merkt, dass die Lautsprecher erst ab 3m Abhörentfernung richtig funktionieren, aber dass die Lautsprecher nichts mit Hifi zu tun haben, dass möchte ich so nicht stehen lassen.  Big Grin
Ich habe die ITS364 mit selbstgebauten 15" kardioid bässen zur Bassunterstützung mal mit den letztens hier diskutierten JBL TI5000 vom Vater eines Freundes in einem 70m² Raum verglichen und der Gewinner stand schnell fest. 
Aber mir ist diese Unterscheidung auch recht, wenn der Preis weiterhin ein Zehntel der Studiomodelle ist.  Wink3