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Auf erfolgreiche TapeDeck Reparatur folgt das totale Desaster !
#1
Dieser Repararturbericht soll einfach mal zeigen, dass eine vermeintlich erfolgreiche Reparatur, nur wenig später in eine Katastrophe enden kann. 

Praktisch aus der Abteilung: EBG - Extrem Blöd Gelaufen.

Wie in der Neuzugangsecke vorgestellt, geht es um diese kleine Cassettenabspielschachtel von Philips: 
[Bild: 20210614-105645.jpg]

Das ist ein Erinnerungsstück an die Jugendzeit Ende der 70er Jahre.
Ich wurde gebeten, dieses Gerät möglichst wieder zum Laufen zu bringen.

Bodenwanne weg und die Abschirmung entfernt: 
[Bild: 20210614-113417.jpg]

Die Platine abgeschraubt und hochgeklappt:
[Bild: 20210614-113852.jpg]

So hat man guten Zugang zur Laufwerkunterseite:

[Bild: 20210614-113903.jpg]
Wie zu sehen, war der Antriebsriemen abgesprungen.

Ausbau von Widerlager und Capstanwelle/Schwungmasse:
[Bild: 20210614-115447.jpg]

Neben dem Sockel für das Capstanlager, sieht man ein bernsteinfarbenes Zahnrad:
[Bild: 20210614-115007.jpg]

Sehe ich solche Dinger, gehen bei mir direkt die Alarmmelder an.

Diese Zahnräder sind bekannt dafür, dass sie gerne unter Zahnausfall leiden.
Also habe ich es erst mal komplett durchgedreht und beäugt - alles ok. Alle Zähne noch da.
Puh, Glück gehabt ! Dachte ich zumindest ...

Die Capstanwelle, Zahnflanken und die Riemenlauffläche wurden gereinigt, dass Capstanlager geölt:
[Bild: 20210614-123155.jpg]

Das Widerlager gefettet und mit neuem Riemen zurückgebaut:
[Bild: 20210614-124939.jpg]

Auch der Motorpulley wurde gereinigt und die Welle bekam einen Tröpfen Öl an das vordere Gleitlager.

Alle Zungenschalter wurden gereinigt: 
[Bild: 20210614-125417.jpg]

Bei der Montage der Platine sah ich ein loses weisses Kabel: 
[Bild: 20210614-130424.jpg]

Köpfe wurden entmagnetisiert und gereinigt, auch die Rolle. Geht am besten bei abgenommener Klappe: 

[Bild: 20210614-183734.jpg]

Nun folgte ein erster Probelauf ohne Case:
[Bild: 20210614-151826.jpg]

Wiedergabe lief und auch Umspulen funzte problemlos und ohne Störgeräusche.

Nun wurde die Opfercase gerufen: 
[Bild: 20210614-153409.jpg]

Nun war über den eingebauten Lautsprecher Musik zu hören. 
Wurde problemlos abgespielt.
Dabei fiel auf, dass die Play LED nicht leuchtete. Aber da war ja noch das lose Kabel.

Mal etwas genauer angeschaut: 
[Bild: 20210614-144935.jpg]

Und wieder angelötet: 
[Bild: 20210614-155042.jpg]

Dann folgte die Wiedergabe einer anderen Cassette:  
[Bild: 20210614-155437.jpg]
Jetzt leuchtete auch die Play-LED.

Jetzte wurde Umspulen getestet: 
[Bild: 20210614-162550.jpg]
REW = 2:42 min. 

[Bild: 20210614-162851.jpg]
FF = 2:37 min. 
Für so ein altes Einmotorlaufwerk eigentlich völlig ok.

Dann habe ich das Gerät über einen DIN-Adaper mit der Anlage verbunden.
Sofort fiel auf, dass praktisch der gesamte Hochtonbereich fehlte.

Normalerweise wird dann die Testcase für Azimuth abgespielt und der Tonkopf justiert.

Hier habe ich aber erst mal Testcase für Gleichlauf abgespielt:
[Bild: 20210614-160914.jpg]

Ergebnis:
[Bild: W-FTest14-Juni21-N-2415.jpg]

Das der TapeSpeed etwas zu langsam war, ist mir schon vorher beim Hören aufgefallen.
Auch der Gleichlauf ist so schlecht, dass man es bei entsprechender Musik hören kann.  

Nun habe ich die Cassette etwas vorgespult, um noch weitere Messungen zu machen.

Nach Drücken der Play-Taste sah ich das:
[Bild: 20210614-161719.jpg]
Obwohl das Band noch nicht am Ende war, leuchtete die TapeEnd LED.

Diese Geräte besitzen noch keine automatische Bandendabschaltung (automatic stop).
Das Gerät erkennt aber den Stillstand des rechten Bandwickels und schaltet den Motor ab.
Ich wiederholte den Druck auf auf die Play-Taste und sah, dass das Band zwar vom Capstan transportiert wurde, aber nicht vom rechten Bandwickel aufgewickelt wurde.

Sofort hatte ich einen schlimmen Verdacht. Das bernsteinfarbene Zahnrad ?!

Also wieder die Schwungmasse ausgebaut:
[Bild: 20210614-180942.jpg]

Ich sah diese abrasierten Zähne und dachte: Ach Du elendiges Elend ! LOL 
Da hatte ich nun nicht gerade wenig Arbeit investiert und jetzt war klar: Alles für die Katz !

Das musste ich erst mal sacken lassen. Packte den Schrott in einen Karton und stellte in außer Sichtweite.
Es gibt - in Bezug auf Reparaturen - für mich fast nix schlimmeres, als ein repariertes Gerät, welches sich ein paar Betriebsstunden später irreparabel zerlegt !

Später. Ich erwische mich dabei, wie ich im Internet nach einem möglichen Nachbau des Zahrads suche.
Zum Glück habe ich nix gefunden. Wieso auch ? Diese Philips-Schachteln waren schon damals als Neuware, eher nix dolles. Und nun nach weit über 40 Jahren sowas reparieren ?

Als ich das Ok für eine Schlachtung bekam, wurde das Laufwerk komplett zerlegt.
Auch deshalb um zu sehen, wie aufwändig es gewesen wäre, dieses Zahnrad zu wechseln.
Dieses Zahnrad sitzt an allerübelster Stelle. Fast das gesamte Laufwerk muss dafür zerlegt werden.

Fotos der Schlachtung:
[Bild: 20210616-103550.jpg]

[Bild: 20210616-103620.jpg]

Und dann ist es immer noch ziemlich frickelig, diesen weissen Schwenkarm mit dem Zahnrad zu entfernen. 

[Bild: 20210616-110017.jpg]
Wie man hier gut erkennen kann, habe ich das Laufwerk komplett zerlegt. Zum Schluss lag da nur noch der nackte Kuststoffrohling.

Es ist mehr als fraglich, ob ich es tatsächlich geschafft hätte, dass Laufwerk wieder funktionsfähig zu komplettieren.

Mein Fazit:
Bei der Reparatur von Tapedecks - welche 30 oder mehr Jahre alt sind - sollte man immer damit rechnen, dass eine erfolgreiche Wiederherstellung ggf. nicht ewig hält. 

Zum Glück hatte ich so einen krassen Fall in all den Jahren noch nie - schnell auf Holz klopf !
Möchte ich auch - hoffentlich - nicht mehr so oft erleben.

Es ist ein tolles Gefühl, etwas wieder zum Laufen zu bringen - das hier allerdings sorgt für das genaue Gegenteil ...

Gruß, Bob.
[-] 27 Mitglieder sagen Danke an AnalogBob für diesen Beitrag:
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#2
Toller Bericht! Aber man kann nicht immer gewinnen. Alte Indianerweisheit :-)
Ich bin eh erstaunt, wieviel Philips da an Teilen reingepackt hat.
Lowfidele Grüße

Peter
[-] 2 Mitglieder sagen Danke an sankenpi für diesen Beitrag:
  • feesa, AnalogBob
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#3
Hallo,

vielen Dank für diesen schönen Bericht!
Als ich noch so verrückt war, auch solche Einstiegs Rekorder (wird wohl trotzdem seine 200 DM in den 70er gekostet haben?) zu reparieren, ist mir des Öfteren so etwas passiert. Erst wird gereinigt und poliert und dann erst repariert, dann eingestellt und dann .... Dauerlauf und: abgekackt - ähnlich Deinem Zahnrad - Arbeit für die Katz.

Man hat etwas gelernt - und Spaß hat es gemacht. Trotzdem soll ja am Ende ein funktionierendes Gerät dabei herauskommen. Ich hätte natürlich die Geräte einfach ohne Dauerlauf abgeben können - aber die Freunde wissen, wo mein Haus steht .... Und dann landet es eh wieder bei mir. Dann also daraus den Schluss gezogen und entgegen meiner Gewohnheit - notdürftig repariert - nix gesäubert - nix zugeschraubt - stattdessen brutaler, möglichst langer Dauerlauf und wildes Spulen und dann teilt sich das poröse Streuplastikrädchen vom guten Kunststoffweizen-Rad, welches den Betreiber überlebt.

Man darf dem Gerät nicht böse sein - die Geräte sind 40 -50 Jahre alt - standen vielleicht 20 - 30 Jahre still irgendwo rum und waren doch nur für 10 vielleicht 15 Jahre für den Betrieb vom Hersteller konzipiert. Wenn ich damals die Möglichkeit gehabt hätte, einen 3D Drucker zu betreiben - dann wäre ich wohl so verrückt gewesen den anzuwerfen.
Drinks
[-] 2 Mitglieder sagen Danke an HiFi für diesen Beitrag:
  • havox, AnalogBob
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#4
Weil es in diesen Thread so gut rein zu passen scheint, hier mal ein Vergleich mit einem noch älteren Philips-Kassettengerät von ganz anderer mechanischer Bauqualität:



Je nach Verwendungszweck und Marktsegment konnten die also auch anders...

Beste Grüße,
Ralph
[-] 2 Mitglieder sagen Danke an zonebattler für diesen Beitrag:
  • havox, AnalogBob
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#5
Moin,
als dieses Geraet Mitte/Ende der 70er herauskam, waren sie ganz stolz auf das Kunststofflaufwerk. Weil es leichter als die herkoemmliche Stahlblechbauweise sei. OK, fuer ein tragbares Geraet nicht von der Hand zu weisen.
Mein erster Recorder so um '73 war auch ein Philips. Der ist nicht an so einem Zahnrad gestorben, sowas hatte sein "Blechlaufwerk" naemlich nicht. Trotz Drucktastenmechanik war es relativ simpel aufgebaut, es starb dann an einem verschlissenen Motor und anderen Dingen, deren Ersatz mein Taschengeld nicht hergab. Das Ding war einfach "'herunter".

Bei dem Laufwerk hier koennte man ja meinen, einmal richtig nachdenken (fuer teure Werkzeuge) und dann guenstig produzieren. Ich moechte nur wissen, wie es am Fliessband rationell zusammengebaut wurde.

73
Peter
[-] 1 Mitglied sagt Danke an hf500 für diesen Beitrag:
  • AnalogBob
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#6
Zitat:Ich moechte nur wissen, wie es am Fliessband rationell zusammengebaut wurde.
 

Voll automatisiert, da waren keine Menschenhände im Spiel. Auch aus diesem Grund wurden beispielsweise Spiralfedern oder Blattfedern statt Schenkelfedern verwendet, weil diese automatengerechter waren. In der Praxis wurden solche Laufwerke nicht zerlegt oder repariert, sondern gleich am Stück ersetzt. Die Herstellungskosten dieser Laufwerke wurden intern auf 12,50 holländische Gulden beziffert, mit allem Drum und Dran. Erst in letzter Zeit gibt es eine wachsende Zahl an Anbietern für Ersatzzahnrädern, wobei solche aus 3D Druck leider nicht immer die geforderte Präzision aufweisen.

Grüße, maurice

EDIT: noch eine "Besonderheit" von Philips Cassettenlaufwerken aus dieser Zeit sind sich zersetzende Löschköpfe: die Vergussmasse, die das Ganze zusammenhält, verflüssigt sich mit der Zeit und kriecht aus dem Löschkopf heraus... noch so eine sichere Methode, Mess- und Abgleichcassetten dauerhaft zu ruinieren.
[-] 4 Mitglieder sagen Danke an airmax78 für diesen Beitrag:
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